Dauerausstellung im Mark Twain Center

Die Dauerausstellung soll in den kommenden drei Jahren sukzessive realisiert werden. Die Konzeption orientiert sich an folgenden Leitlinien: Die Präsentation der deutsch-amerikanischen Geschichte am Beispiel Heidelbergs wird auf einer Fläche von circa 900 m² realisiert. Historisch besonders bedeutsame Räume im MTC (Kommandantenzimmer, Konferenzraum) sind Teil der Präsentation und werden ergänzt um multimediale Installationen zu zentralen Vermittlungs- und Gestaltungsräumen. Auf einer zusätzlichen Ausstellungsfläche von circa 130 m² werden pro Jahr zwei Sonderausstellungen gezeigt. Die Sonderausstellungen können als Ergebnis laufender Forschungsarbeiten einzelne Aspekte des Gesamtthemas aufgreifen und im Weiteren zum Teil der Dauerausstellung werden (geplant ist bereits eine Sonderausstellung zum Besuch Mark Twains in Heidelberg). Ein Begleitprogramm aus Veranstaltungen mit Zeitzeugen, Podiumsdiskussionen mit wissenschaftlichen Experten sowie Lesungen und musikalischen Darbietungen ergänzen das Gesamtprogramm.

Aus unterschiedlichen Blickwinkeln

Bild eines Spiegels von der Ausstellung (Foto: Diemer)
Foto: Diemer

Im Rahmen der Ausstellung soll Multiperspektivität ermöglicht und Fragen an die Geschichte Raum gegeben werden. Die Verbindungen zwischen Deutschen und Amerikanern waren ständigen Wandlungen unterzogen und entziehen sich einfachen historischen Einordnungen bzw. dominierenden Sichtweisen. Deutlich werden soll, wie Militärs, Friedensaktivisten, Zivilbeschäftigte, kommunale Verantwortungsträger, Mitglieder deutsch-amerikanischer Vereine, Unterhaltungskünstler, Heidelberger Bürgerinnen und Bürger usw. zusammengelebt und zusammengearbeitet haben. Hierbei müssen zudem die demografischen Veränderungen der Stadtgesellschaft berücksichtigt werden, die Heidelberg zu einer multinationalen und multireligiösen Stadt gemacht haben. Besucherinnen und Besucher sollen erleben können, wie ein Miteinander im Freund-Feind-Verhältnis der Nachkriegsjahre möglich wurde, welche Spannungen und Konflikte in der Folgezeit auf lokaler Ebene entstanden sind und in welcher Weise solche Konflikte – wenn überhaupt – gelöst werden konnten. Gegenseitige deutsch-amerikanische Wahrnehmungen sind dabei nicht nur durch die Nachkriegsgeschichte geprägt. Heidelberg und die USA verbinden intensive gegenseitige Erfahrungen wie der Aufenthalt Mark Twains in der Stadt oder die Massenauswanderung von Deutschen aus der Pfalz. Für das historische Verständnis ist deshalb in der Ausstellung auch der Rückblick auf diese historischen Verbindungen von Bedeutung. Die Ausstellung bleibt in Ihrer Darstellung bewusst offen und vermittelt kein dominierendes Narrativ. Besucher sollen eingeladen werden, die gemeinsame deutsch-amerikanische Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Die Ausstellung soll damit auch eine Reflexion über eigene Wahrnehmungen ermöglichen. Um dies zu gewährleisten, sollen die zukünftigen Nutzer bereits frühzeitig in die Gestaltung der Ausstellung eingebunden werden. Perspektiven einer Zeitzeugin aus dem Heidelberg der 1950er Jahre müssen also genauso Raum finden können wie die Lebenswelt eines amerikanischen G.I oder Sichtweisen eines Zuwanderers oder einer Zuwanderin aus dem Irak. Eine enge Kooperation mit den bestehenden Vereinen und Interessengruppen der deutsch-amerikanischen Partnerschaft ist dabei unabdingbar und wurde bereits begonnen.

Die Themen

Die Dauerausstellung thematisiert Entwicklungen, die für ein Verständnis der deutsch-amerikanischen Beziehungen in Heidelberg und die historische Rolle des Ortes von wesentlicher Bedeutung sind. Im ersten Themenfeld (Historischer Ort/Historical site) wird die nationalsozialistisch geprägte Vergangenheit des Ortes beleuchtet. Im Rahmen des Konversionsprozesses werden die architektonische Struktur der Kaserne wie auch die Vielzahl künstlerisch-propagandistischer Elemente der NS-Zeit nicht nur auf den ehemaligen Campbell Barracks weitgehend erhalten bleiben und damit den Ort und das Lebensumfeld der Bewohner und der dort arbeitenden Menschen und Besuchenden maßgeblich prägen. Im Mark Twain Center soll dazu eine historische Einordnung erfolgen, bei der nicht zuletzt auch der überraschend vollständige Erhalt der NS-Propagandaelemente durch die Amerikaner thematisiert wird. In einem zweiten Themenblock werden die intensiven Verbindungen zwischen Heidelberg und den USA seit dem 19. Jahrhundert schlaglichtartig anhand einzelner biografischer Porträts mit Hilfe von Bild, Text- und Toninstallationen veranschaulicht (Transatlantische Wanderungen / Transatlantic movements). Dabei geht es sowohl um den Beitrag der Deutschamerikaner zur amerikanischen Geschichte (z.B. im Bildungssystem) wie auch um das individuelle Scheitern bei der Einwanderung und die anti-deutschen Ressentiments vor und während des 1. Weltkriegs. Amerikanische Reisende und US-Studenten berichteten in dieser Phase zumeist überschwänglich und fasziniert von ihrer Zeit in Heidelberg. Ein eigener Raum soll hier dem Namensgeber des Mark Twain Center und seinen satirischen und detaillierten Kommentaren zum „Deutschsein“ und zur deutschen Kultur gewidmet werden.

Auf Spurensuche

Die für die deutsch-amerikanischen Beziehungen dominierende Phase seit 1945 wird durch drei übergeordnete Themenfelder gegliedert: Militär und Protest - The military and protest; Leben und Arbeit - Life and work; Unterhaltung - Entertainment. Die historischen Spuren der US-Präsenz in Heidelberg werden anhand eines interaktiven Stadtmodells sehr plastisch deutlich. Die Besonderheit des Standorts als strategisches Zentrum der US-Präsenz in Europa und als multinationales Hauptquartier der NATO rückte Heidelberg in den Mittelpunkt aller wesentlichen Konflikte des Kalten Krieges. Um diese Funktion zu verdeutlichen, wird am historischen Ort (Kommandantenzimmer) das originale Raumbild wiederhergestellt werden. Das strategische Ringen um einen machtpolitischen und strategischen Ausgleich soll an dieser Stelle individuell erfahrbar gemacht werden. Statt einer komplexen Darstellung soll hierzu ein interaktiver Spieltisch zum Thema „Macht und Gleichgewicht“ installiert werden. Daran lassen sich im Rahmen von unterschiedlichen Spielsituationen mit mehreren Beteiligten strategische Entscheidungsprozesse in historischen Konfliktsituationen selbständig gestalten und erfahren. Weitere Bereiche der Ausstellung thematisieren die gesellschaftliche Rolle des US-Militärs (z.B. bei der Integration von Afroamerikanern) sowie die wirtschaftliche Bedeutung des Militärs für die lokale und regionale Wirtschaft. Die für die deutsch-amerikanischen Beziehungen prägenden Auseinandersetzungen um das militärische und weltpolitische Engagement der USA spiegeln sich in vielfältigen Widerstandsaktivitäten in Heidelberg wieder. 

Menschen machen Geschichte

Der partizipative Charakter der Präsentation soll sich in der Ausstellungsgestaltung widerspiegeln. Die technische Grundausstattung ermöglicht eine sehr dynamische Weiterentwicklung in der Zukunft. Zeitzeugen sollen auf ehrenamtlicher Basis gewonnen werden, um die intensive deutsch-amerikanische Jugendarbeit und Vereinskultur oder die kulturellen Berührungen zwischen den Kulturen erfahrbar zu machen. Partizipation wird zudem ermöglicht, indem Besuchende zu einer aktiven Auseinandersetzung mit aktuellen Konflikten im transatlantischen Verhältnis eingeladen werden. Die Gestaltung der Dauerausstellung orientiert sich stark am Prinzip des biografischen Erkundens und Lernens. Entwicklungen sollen vielfach anhand von Einzelbiografien deutlich gemacht werden, die durch historische Einordnungen ergänzt und erläutert werden. Besuchende sollen so anhand verschiedener Stationen in der Ausstellung z.B. die Biografie einer Soldatin, eines Zivilbeschäftigten oder eines Heidelberger Clubbesitzers erkunden können. Die Vermittlung funktioniert primär mit Hilfe multimedialer Stationen und spielerischer Elemente, die zum Ausprobieren und Mitmachen einladen. Die technikgestützte Gestaltung ermöglicht es, die Ausstellung immer wieder zu ergänzen und so mittel- und langfristig regelmäßig neue wissenschaftliche Erkenntnisse und neue individuelle Zeugnisse zu integrieren.