Geschichte und Zukunft der deutsch-amerikanischen Beziehungen in Heidelberg

Mark Twain Center für transatlantische Beziehungen

Eine Veröffentlichung von Dr. Uwe Wenzel

Leicht aktualisierte Fassung, erschienen in "Heidelberg-Jahrbuch zur Geschichte der Stadt 2021", Seite 239-245, herausgegeben vom Heidelberger Geschichtsverein e.V.

Das Mark Twain Center für transatlantische Beziehungen (MTC) wurde nach dem Abzug des US-amerikanischen Militärs auf Initiative der Stadt Heidelberg gegründet. Gemäß seinem 2018 verabschiedeten Betreiberkonzept hat das MTC zwei zentrale Aufgaben: Zum einen soll das für die Stadtgesellschaft der Nachkriegszeit prägende Miteinander von US-Amerikanern und Deutschen im Rahmen einer multimedialen Ausstellung gewürdigt werden. Zum Zweiten soll ein kritischer Dialog über Zukunftsfragen im transatlantischen Verhältnis initiiert werden. Vorgesehen sind dazu wissenschaftliche Kooperationen und kulturelle Veranstaltungen. Zur Umsetzung dieser Aufgaben hat die Stadt Heidelberg unterstützt durch Bundesprogramme bisher ca. fünf Millionen Euro investiert.

Hintergründe

Die Geschichte Heidelbergs verdeutlicht exemplarisch den grundlegenden Wandel der deutsch-amerikanischen Beziehungen im Verlauf des 20. Jahrhunderts. Deutschen und US-Amerikanern ist es gelungen, in einem oftmals konfliktreichen Prozess den Weg von Kriegsgegnern hin zu Partnern in einer wertebasierten Gemeinschaft zu beschreiten. Eine zentrale Rolle kam dabei der Anwesenheit bedeutender Einrichtungen der US-Armee in Heidelberg zu. Seit 1945 dienten über 20 Millionen US-Amerikaner als Militärs oder als zivile Beschäftigte der US-Streitkräfte in Europa, wobei Deutschland bisher immer Hauptstationierungsland war. Bereits seit 1948 war der Heidelberger Militärstandort der US-Armee Sitz hochrangiger Hauptquartiere; deshalb lebten in der Folge hunderttausende Militärangehörige mit ihren Familien oft über längere Zeiträume hinweg in Heidelberg und im Rhein-Neckar-Raum. Im Heidelberger US-Militärhospital sind seit Kriegsende mehr als 25.000 amerikanische Staatsbürger zur Welt gekommen.

Luftbild Campbell Barracks (Foto: Stadt Heidelberg)

Für die Bevölkerung der Stadt war die Präsenz der US-Streitkräfte ebenfalls von großer Bedeutung: Zehntausende von ihnen waren zumeist in zivilen Funktionen bei den amerikanischen Streitkräften beschäftigt und haben nicht selten ihr gesamtes Berufsleben hindurch in den Campbell Barracks oder in den übrigen Standorten des US-Militärs auf Heidelberger Stadtgebiet gearbeitet. Über die Jahrzehnte hinweg haben sich auch jenseits der beruflichen Zusammenarbeit vielfältige Brücken zwischen Deutschen und US-Amerikanern entwickelt, die durch eine lebendige deutsch-amerikanische Vereinskultur oder Begegnungen in der Clubszene der Stadt und nicht zuletzt durch die zahlreichen binationalen Eheschließungen getragen wurden.

Das zivile Miteinander in Heidelberg war allerdings niemals frei von Konflikten. Anfangs belasteten die Beschlagnahme von Wohnraum und die Errichtung von Wohnsiedlungen für die US-Armee das Verhältnis von Stadtbevölkerung und Besatzungsmacht. Später haben weltpolitische Ereignisse wie die US-Interventionen in Südostasien oder die Stationierungsdebatte der 1980er Jahre die Beziehungen zwischen Deutschen und US-Amerikanern in der Stadt nachhaltig beeinflusst.

Studentischer Protest 1971 (Foto: Stadtarchiv Heidelberg)

Historischer Ort mit weltpolitischer Bedeutung

Mit dem Abzug der letzten US-amerikanischen Streitkräfte aus Heidelberg am 6. September 2013 hat eine neue Phase des Miteinanders von Deutschen und US-Amerikanern begonnen. Die Stadt Heidelberg begann bereits frühzeitig mit Planungen für den Ankauf der von der US-Armee genutzten Flächen und die Umwandlung der gut 180 Hektar für zivile Zwecke. Anders als andere US-Militärstandorte in Deutschland, die oftmals in ähnlicher Weise vom Abzug des US-Militärs betroffen waren, hat man in Heidelberg von Beginn an die Einrichtung eines lebendigen Erinnerungsortes vorgesehen, an dem die Geschichte und Zukunft der transatlantischen Beziehungen erforscht werden sollen. Die Chance zur Realisierung dieses Projektes ergab sich mit der Aufnahme des Vorhabens in den Förderrahmen des Bundesprogramms „Nationale Projekte des Städtebaus“ im Jahr 2016. Im Zuge der städtebaulichen Neuordnung, Sanierung und Umnutzung der historischen Kasernenanlage sollte das ehemalige Kommandantengebäude als kulturelle und wissenschaftliche Einrichtung entwickelt werden. In den Jahren 2018 und 2019 wurde das Gebäude dann entsprechend technisch instandgesetzt und der Zugang für Personen mit Einschränkungen ermöglicht.

Das MTC entsteht im Gebäude der ehemaligen US-Kommandantur an der Heidelberger Römerstraße. Das nach dem ehemaligen kommandierenden General Geoffrey Keyes benannte Gebäude veranschaulicht die wechselhaften deutsch-amerikanischen Beziehungen in besonderer Weise. Errichtet im Zuge der Remilitarisierung Deutschlands im Jahr 1937, diente das Gebäude der Wehrmacht zunächst als Offiziersmesse neben der ebenfalls neu errichteten „Großdeutschlandkaserne“. Mit der Besetzung Heidelbergs durch die US-Streitkräfte am 30. März 1945 wurde die Kaserne Bestandteil des Hauptquartiers der 7. US-Armee. Das Keyes-Building wurde dabei zum Sitz des US-Oberbefehlshabers und des Stabschefs. Der ehemalige Ballsaal des Kasinos diente fortan als Konferenzraum. Von Heidelberg aus steuerten und verwalteten die in Europa stationierten Einheiten der US-Armee ihre Einrichtungen und Aktivitäten und entwarfen strategische Einsatzplanungen. Die militärstrategische Neuausrichtung der USA zu Beginn der 2000er Jahre brachte auch für Heidelberg die Wende und die Standortschließung nach 68-jähriger Militärpräsenz.

Vestibül im Mark Twain Center (Foto: Stadt Heidelberg/Steffen Diemer)

Zielsetzung und Aufgaben

Das Mark Twain Center soll mit seinen vielfältigen Aktivitäten die Erinnerung an die amerikanische Präsenz in Heidelberg wachhalten und den transatlantischen Dialog fördern. Dazu
 zählen die historisch-wissenschaftliche Aufarbeitung der deutsch-amerikanischen Beziehungen, die Organisation von Kultur- und Bildungsangeboten sowie die Diskussion von Zukunftsfragen im transatlantischen Verhältnis. Das MTC soll überdies ein Ort des Austausches und der Kooperation von Fachinstitutionen und Vereinen der deutsch-amerikanischen Zusammenarbeit auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene werden.

Das MTC begreift sich als lebendiger Erinnerungsort, an dem ein regelmäßiger Austausch für alle Interessierten möglich wird sowie Mitwirkung und Partizipation auf verschiedenen Ebenen angeregt werden. Ein erster Schwerpunkt der Arbeit ist die Einrichtung einer multimedialen Dauerpräsentation zu den transatlantischen Beziehungen aus spezifisch Heidelberger Perspektive. Die Präsentation entsteht auf einer Fläche von ca. 1300 m² und schließt die historisch besonders bedeutsamen Räume im MTC (z.B. Kommandantenzimmer und Konferenzraum) ein, die ergänzt um multimediale Installationen zu zentralen Vermittlungs- und Gestaltungsräumen werden.

Ansicht Mark Twain Center (Foto: Stadt Heidelberg)

Dauerausstellung zu den transatlantischen Beziehungen

Im Rahmen der zukünftigen Dauerpräsentation wird Multiperspektivität ermöglicht und Raum für Fragen an die deutsch-amerikanische Geschichte gegeben. Die Verbindungen zwischen Deutschen und Amerikanern waren ständigen Wandlungen unterzogen und entziehen sich einfachen historischen Einordnungen bzw. dominierenden Sichtweisen. Besucherinnen und Besucher sollen erleben können, wie ein Miteinander im Freund-Feind-Verhältnis der Nachkriegsjahre möglich wurde, welche Spannungen und Konflikte in der Folgezeit auf lokaler Ebene entstanden sind und in welcher Weise solche Konflikte – wenn überhaupt – gelöst werden konnten. Das Beispiel Heidelbergs macht dabei deutlich, dass die Beziehungen auf lokaler Ebene immer auch im Zusammenhang mit nationalen oder internationalen Entwicklungen gesehen werden müssen.

In der Ausstellung werden gesellschaftliche, politische, ökonomische und militärische Aspekte der deutsch-amerikanischen Beziehungen gleichberechtigt berücksichtigt. Da die historischen Verbindungen zwischen Heidelberg und den USA bis in die Zeit vor Gründung der Vereinigten Staaten zurückreichen und wichtige Impulse für die Entwicklungen der Nachkriegszeit gegeben haben, sollen auch diese in exemplarischer Weise behandelt werden. Stichworte sind die Massenauswanderung von Deutschen aus der Pfalz, die außergewöhnliche Beteiligung von Deutschen im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg oder die besondere Anziehungskraft Heidelbergs für US-amerikanische Studierende und Touristen im 19. und frühen 20. Jahrhundert.

Mit der gewaltlosen Übernahme Heidelbergs durch die US-amerikanische Armee im März 1945 begann auch die Nutzung der ehemaligen Wehrmachtsstandorte durch US-Einheiten. Bemerkenswert ist dabei, dass die bauhistorischen Spuren auf dem Gelände der ehemaligen
 „Großdeutschlandkaserne“ und insbesondere die ausdrucksstarken Elemente der NS-Propagandakunst in dem ehemaligen Offizierskasino von der US-Militärführung in Heidelberg nahezu ohne Eingriffe erhalten worden sind. Die Auseinandersetzung mit dieser spezifischen Form der „Vergangenheitsarbeit“ bildet die inhaltliche Brücke zur Darstellung der militärgeschichtlichen Entwicklung der Heidelberger Garnison. Ein Stadtmodell zeigt die größeren und kleineren Standorte der US-Streitkräfte, andere Spuren führen zu den Clubs und zivilen Einrichtungen, die über Jahrzehnte hinweg Orte der Begegnung von Deutschen und US-Amerikanern waren.

Die weiteren Ausstellungsräume werden einen Eindruck vermitteln von der Aufgabenvielfalt der militärischen Führungsebene und den Lebens- und Arbeitsbedingungen innerhalb einer Garnisonsanlage. Individuelle Lebensbilder zeichnen Karrierestationen einzelner Soldatinnen und Soldaten nach und zeigen auch, wie Diskriminierung und Rassismus die beruflichen Perspektiven von weiblichen Militärangehörigen oder den Angehörigen ethnischer Minderheiten in den Streitkräften nachhaltig beeinflusst haben. Weitere zentrale Bereiche der Dauerpräsentation sind den zivilen Aspekten des Miteinanders von Deutschen und US-Amerikanern in Heidelberg gewidmet. Der demokratische Aufbruch in Heidelberg ist eng mit der Präsenz der US-Amerikaner in der Stadt verbunden und wird in der Dauerpräsentation breiten Raum einnehmen. Gleiches gilt für die vielfältigen Formen des Austausches in den wechselnden Musikclubs der Stadt, im Sport oder im organisierten Vereinswesen.

Weltgeschichte aus Heidelberger Perspektive – individuelle Biografien erzählen Geschichte

Die gesamte Gestaltung der Dauerpräsentation im Mark Twain Center orientiert sich stark am Prinzip des biografischen Erkundens und Lernens. Entwicklungen sollen anhand von 40 ausgewählten Einzelbiografien deutlich gemacht werden, deren „Geschichten“ in Form filmischer Einzelporträts dargestellt und durch einige historische BioPics ergänzt werden. Dies wird jeweils durch historische Einordnungen ergänzt und erläutert. Biografien und Ausstellungsinhalte werden auf ungewöhnliche Weise vermittelt: Besucher*innen erhalten am Eingang ein Tablet, das als digitales Dossiers dient. Über Bluetooth-Sender wird in jedem Raum ein Dossier angeboten, in dem Biografien, Texte, Dokumente, Filme oder Fotos gebündelt und mit räumlichen Installationen verbunden sind. Die Besuchenden können sich auf diese Weise ihren Rundgang weitgehend selbst gestalten. Das Tablet dient ebenfalls zur Interaktion bzw. Steuerung spielerischer Angebote. Die technikgestützte Gestaltung ermöglicht es, die Ausstellung immer wieder zu ergänzen und so mittel- und langfristig neue wissenschaftliche Erkenntnisse und neue individuelle Zeugnisse zu integrieren.

Das inhaltliche Grundkonzept für die Ausstellung ist abgeschlossen, sodass aktuell eine Eröffnung der Dauerpräsentation für den April 2022 geplant ist. In den kommenden Monaten sollen weitere Zeitzeugen in den USA gewonnen werden. Im Rahmen einer Ausschreibung wird im Moment eine Medienproduktionsfirma ausgewählt, die die Zeitzeugen im Juni und Juli dieses Jahres aufnehmen wird. Über dieses Datum hinaus ist der weitere Ausbau der Ausstellung als ein zeitlich unbefristeter und partizipativer Prozess geplant. Die technische Ausstattung ermöglicht es uns, weitere Inhalte aufzunehmen, z.B. wenn neue interessante Zeitzeugen gewonnen werden.